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Januar 2012

Kurt Tucholsky: Es ist, Gedicht

“Es ist

Es ist soviel unverbrauchte Zärtlichkeit in Hotelzimmern,
 wo sie allein liegen:
 ein Mann, oder eine Frau, oder ein angebrochenes junges Mädchen –
 in leiser Lächerlichkeit liegen wir allein.

Es ist eine Einsamkeit, umflossen
 von den Strömen des städtischen Gases,
 des elektrischen Stromes, für alle gemacht,
 einer Zentralheizung, eines Zentralessens, einer Zentralzeitung ...
 aber ein kleiner Fleck ist noch da,
 auf dem sind wir allein.

Jeder liegt in einer Schublade.
 Die kleinen Härchen auf den Oberarmen schwanken
 suchend im Luftzug,
 wie die Greifer der Meerespflanzen in strömendem Wasser;
 die Haut langweilt sich.

Wenn jetzt einer käme und sagte: »Bitte sehr! ich liege
 Ihnen zur Verfügung!«
 wenn ich jetzt durch die Wand ginge zu meiner Nachbarin –
 (»Man ist doch keine Hure! ich werfe mein Leben nicht in
 Hotels weg!« – Kusch.)
 – wenn jetzt eine dicke Dame käme, mich im Bad zu
 massieren;
 wenn sich jetzt der Jungen ein verständiger Mann gesellte,
 der sie nur streichelte ...
 ungenützt ist die Nacht.

Dreivierteleins.
 Es kocht in den Röhren des Badezimmers;
 badet jemand noch so spät?

Neugierig sind wir auf fremde Körper.
 Wie legen Sie abends das Hemd auf den Stuhl? Lieben Sie Fruchtsalz?
 Ziehen Sie ihre Uhr morgens oder abends auf?
 Und in der Liebe?
 Sind Sie gesund? Verzeihen Sie, ich habe solche Furcht vor Krankheiten –
 das ist der Teil meiner Tugend.

I'm in love again –
 nein, das eigentlich nicht:
 es sollte nur jemand dasein, an dem ich mich spüren kann.
 Warum, 318 (mit Bad), liegen Sie so allein?
 Denkbar wäre auch eine Hotelgeisha, die höflich liebt,
 und die auf der Rechnung nur als kleiner, diskreter Kreis vermerkt ist –
 aber schöner wäre ein Gast.

Warum kommt nie ein Einsamer zu einer Einsamen?
 Stolz kriechen wir in unser zuständiges Gehäus,
 hygienisch, unnahbar, vernünftig,
 allein.

 Knips das Licht an, sagt der Schlaflose zu sich selbst
 (er duzt sich, weil er sich schon so lange kennt) –
 und lies noch ein bißchen.
 Du hast zuviel Pfirsich-Melba gegessen, daher solche Gedanken,
 Luftblasen auf dem Meer der inneren Sekretion.
 Du bist überhaupt gar nicht allein. Du hast ein Buch. Lies:

8. Fortsetzung   Nachdruck verboten

Schließlich raffte sie ein Spiel Karten auf, kauerte sich
 neben den Kamin und begann eifrig und hingegeben zu
 mischen.

»Ich kam in der Absicht«, begann er mit einer nicht ganz
 festen Stimme, »noch heute um Ihre Hand anzuhalten.«

Das schöne Mädchen”

(Theobald Tiger, Die Weltbühne, 09.10.1928, Nr. 41, S. 560, wieder in: Mona Lisa.)

Quelle: Projekt Gutenberg DE: Kurt Tucholsky: 20 Gedichte - Kapitel 6.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/5825/6

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